Dennis Pauler

Medien. Wirtschaft 2.0. Und mehr.

Gespielt: Runaway 2 – Fortsetzung mit Hang zum Abstrusen

      1. Der Bericht zum Anhören, gesprochen von Arne Henkler


Wir erinnern uns: Am Ende des ersten Teils hatten der angehende Physik-Doktorand Brian und die Bar-Tänzerin Gina eine größere Menge Geld an sich gebracht. Daraufhin hatten die beiden sich auf in die Südsee gemacht, um den neu gewonnen Reichtum zu genießen. Im Paradies angekommen überredet Gina Brian, an einem Rundflug teilzunehmen. Leider stirbt der altersschwache Pilot während des Fluges. Da nur ein Fallschirm an Bord ist, wirft Brian seine Angebetete damit aus dem Flugzeug und versucht sich dann selbst als Pilot. Natürlich endet der Versuch in einer Bruchlandung – und so ist Brian erstmal damit beschäftigt, aus dem tiefen Dschungel einer geheimnisvollen Insel zu entkommen. Auf seiner Suche nach Gina trifft er auf ein Militärcamp, dessen verbitterter Kommandeur aus der Insel Sperrgebiet macht. Was verbirgt sich hinter in den alten Tempelanlagen? Welche Interessen verfolgen der Kommandeur und die mit ihm paktierende geheimnisvolle Frau?
Das Abenteuer führt Brian einmal mehr um die halbe Welt, sei es nach Alaska oder in den Pazifik. Dabei trifft er auf viele alte Bekannte wie die Hackerin Sushi, den stets entspannten Rutger, den Bastler Saturn oder den leicht verrückten Joshua. Joshua, dem man im ersten Teil geholfen hatte, Außerirdische vom Planeten Trantor zu kontaktieren, spielt ein große Rolle in der Geschichte – und auch der Planet Trantor kommt natürlich wieder zur Sprache.

Sie sind wieder da!

Ein einbeiniger Surfer gehört noch zu den normalen Gestalten...

Ein einbeiniger Surfer gehört noch zu den normalen Gestalten...

„Runaway 2 – Dream of the Turtle“ macht in jeder Hinsicht genau dort weiter, wo der Vorgänger aufgehört hatte. Die Grafik besteht einmal mehr aus hervorragend gezeichneten zweidimensionalen Hintergründen und darin agierenden dreidimensionalen Figuren. Durch die Vorberechnung und entsprechende Filter fügen sich die Figuren aber problemlos in die Hintergründe ein. Die Animationen sind noch aufwändiger als im Vorgänger und wirken auch natürlicher, dazu kommen viele Details, wie fallender Schnee und Fußspuren. Die vorberechneten Animationen bilden aber auch ein großes Handicap: Hat eine Figur mit einer Bewegung begonnen, muss sie erst zuende geführt werden, bevor die Handlung weiter gehen kann.
Die Musik ist unaufdringlich, untermalt das Geschehen aber wirkungsvoll. Unterstützt wird sie dabei von vielfältigen Sound-Effekten und den wie gewohnt sehr guten Sprechern. Erfreulicherweise haben die bereits im ersten Teil auftretenden Figuren ihre Sprecher behalten, sodass Runaway-Veteranen sich gleich heimisch fühlen.

Leider übernimmt Runaway 2 auch einige der Schwächen des Vorgängers. Einmal mehr geraten manche Schauplätze zu einer wahren Suchorgie, bei der man den Bildschirm ganz genau nach möglichen Gegenständen absuchen muss. Außerdem gibt es wieder die gefürchteten Behälter, aus denen Brian immer mal wieder etwas neues hervorzieht – auch wenn das im Spiel selbst satirisch kommentiert wird. Und wieder einmal weigert sich Brian oft einen Gegenstand mitzunehmen oder etwas zu tun, weil man den hierfür notwendigen Hinweis noch nicht gefunden hat – die Linearität lässt grüßen.
Dieser Trend setzt sich auch bei den Dialogen fort: Nahezu alle Figuren zeichnen sich zwar durch (zu) große Geschwätzigkeit aus, die Dialoge laufen allerdings sehr linear ab. Sie sind sogar so linear, dass fast jeder Gesprächsteil sich direkt auf den vorherigen bezieht – egal ob man ihn geführt hatte, oder nicht. Letztendlich ist die Interaktivität der Dialoge daher nur vorgetäuscht – wenn man nicht vollends verwirrt werden will, muss man alle Gesprächsteile streng chronologisch absolvieren… Gähn, hat jemand eine Tasse Kaffee parat?

Die Story gleitet ab

Was wohl in diesem Tempel vor sich geht?

Was wohl in diesem Tempel vor sich geht?

Verwirrend werden Story und Puzzles sowieso ganz von selbst: Während die ersten beiden Kapitel gute Adventurekost und im wesentlichen logische Aufgaben bieten, gleitet die Story im dritten Kapitel sehr ins SF-lastige ab und bricht damit mit dem Vorgänger, bei dem man solche Elemente noch unter „skuriler Humor“ einordnen konnte. Die Geschichte kommt zwar zeitweilig auf den Boden der Tatsachen zurück, dafür gleitet spätestens ab Kapitel 4 das Rästeldesign ins Unlogische ab. Brian beginnt einen immer öfter zur Verzweiflung zu bringen, weil er sich einer eigentlich logischen Lösung eines Problems mit Worten wir „Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll“ entzieht und dafür beim entnervten Herumklicken Dinge tut, die alles andere als logisch sind. Außerdem häufen sich im Laufe der Zeit die „Zufälle“, die verhindern, dass man mit der eigentlichen Geschichte fortfahren kann.
Etwas unbefriedigend ist, dass die Story sich so in sich selbst verstrickt, dass die ursprüngliche Frage in großen Teilen des Spiels keine Rolle spielt: Was ist mit Gina passiert? Selbst Brian scheint seine Angebetete zeitweise zu vergessen und bandelt lieber mit anderen Damen an.
Und noch etwas zerrt an den Nerven: Die Beta-Tester scheinen an irgendwann an den zunehmend unlogischeren Rätseln kapituliert zu haben, denn im Verlauf des Spiels häufen sich Fehler. Mal passt die Betonung einer Antwort nicht zur Frage, mal passen Gesprächsteile überhaupt nicht zusammen und mal erzählt Brian beim Betrachten eines Gegenstandes etwas über einen ganz anderen Gegenstand.

Spannung bis zum Schluss

Auch der durchgeknallte Joshua ist wieder mit dabei

Auch der durchgeknallte Joshua ist wieder mit dabei

Trotz allem bietet „Runaway 2“ spannende Rästelabende, die durch den allgegenwärtigen Humor aufgepeppt werden. So nimmt sich das Spiel stellenweise selbst nicht ernst – beispielsweise als Brian auf einer Gitarre das musikalische Thema des Vorgängers spielt und dabei trocken meint: „Hm, […] es kommt mir bekannt vor!“ Wer vor gelegentlicher Pixelsucherei nicht zurückschreckt und kein Problem damit hat, immer wieder auf und ab zu laufen um zu sehen, ob sich irgendwo etwas verändert hat, der wird trotz aller Schwächen seinen Spaß haben. Denn so verwirrend die Story stellenweise ist, so fiebert man doch bis zum Schluss mit.

„Runaway 2“ ist kein neuer Meilenstein des Adventure-Genres, wie es noch der Vorgänger war, aber es nach wie vor kurzweilige Unterhaltung und lässt schon Vorfreude auf den dritten Teil der Serie aufkommen. Das Spiel endet nämlich mit einem Cliffhanger und reiht sich damit in die Riege anderer großer Adventure-Serien ein. Ob es Pendulo Studios jedoch gelingt, das Ende des zweiten Teil befriedigender aufzulösen als das „Monkey Island“ und „Simon the Sorceror“ gelungen ist, das wird die Zeit zeigen.

Dieser Bericht erschien ursprünglich auf SF-Radio.net.

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