Dennis Pauler

Medien. Wirtschaft 2.0. Und mehr.

Gedacht: Verbot von „Killerspielen“?

Ein langer politischer Wettstreit hat sein vorläufiges Ende gefunden. Die große Koalition zwischen Union und SPD hat sich gefunden, ein Koalitionsvertrag unter dem Titel „Gemeinsam für Deutschland – mit Mut und Menschlichkeit“ wurde erstellt und nun kann die Politk zum Tagesgeschäft zurückkehren. Für die Computerspieler im Land hat das aber evtl. größere Auswirkungen, als es zunächst den Anschein hat. Quasi nebenbei hat die neue Regierung noch vor ihrer offiziellen Ernennung der Computerspielindustrie den Kampf angesagt. So heißt es im Koalitionsvertrag im Kapitel „VI. Familienfreundliche Gesellschaft“, Unterkapitel „6. Jugend“, Abschnitt „6.3 Aufwachsen ohne Gewalt“ wörtlich:

Die Neuregelungen im Jugendschutz werden schnellstmöglich – und deutlich vor dem für März 2008 verabredeten Zeitpunkt – evaluiert, um notwendige Konsequenzen rechtzeitig ziehen zu können. Wir wollen hierzu unverzüglich in einen zielorientierten Dialog mit den Ländern eintreten. Folgende Eckpunkte sollen vorrangig erörtert werden:

  • Wirksamkeit des Konstrukts „Regulierte Selbstkontrolle“
  • Altersgrenzen für die Freigabe von Filmen und Spielen/Alterskennzeichnung von Computerspielen
  • Verlässliche Kontroll- und Sicherheitsstandards für Videoverleihautomaten
  • Verbot von „Killerspielen“

Die Kritik am Jugendschutz – vor allem bei Computerspielen – ist nicht neu. Schon im Mai 2002, nachdem ein ein 19-Jähriger bei einem Amoklauf in seiner Schule 16 Schüler und Erwachsene getötet hatte, forderten Politiker (darunter der bayrische Innenminister Günther Beckstein (CSU)), das Verbot von so genannten „Killerspielen“. Der Amokläufer hatte in seiner Freizeit Ego-Shooter gespielt, was vor allem von konservativen Politikern als Ursache seiner Handlungen ausgemacht wurde – dass er auch andere Medien mit Gewaltdarstellungen konsumierte, wenige Wochen zuvor von der Schule verwiesen worden war (ohne dies jedoch seinen Eltern mitzuteilen), keine Freunde hatte und außerdem Mitglied in einem Schützenverein war, wird dabei gerne unter den Tisch fallen gelassen.

Als Reaktion auf den tragischen Vorfall wurde das Verfahren zum Jugendschutz im Rahmen einer Novelle des Jugenschutzgesetzes im Jahr 2003 reformiert. Waren Computerspiele früher zunächst frei erhältlich und konnten nur auf Antrag von der BPjM (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien) aus dem freien Verkauf gezogen werden, so dürfen seitdem Spiele ohne Altersfreigabe nicht mehr in den Handel gelangen. Im Handel ist es dann Aufgabe der Verkäufer darüber zu wachen, ob der Käufer eines Spiels das auf der Verpackung angegebene Mindestalter erreicht hat – wie es auch bei Zigaretten und Alkohol üblich ist.

Das neue Verfahren wurde jedoch von Anfang an mit Argwohn betrachtet. Besonders das ZDF-Magazin Frontal 21 berichtete wiederholt über die angebliche Unwirksamkeit der Maßnahmen und warf Produzenten und USK vor, den Jugendschutz nur unzureichend anzuwenden. Davon aufgeschreckt meldeten sich wieder – vor allem konservative – Politiker wie Beckstein und Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) zu Wort und forderten schnelles Handeln bis zu einem Produktionsverbot von „Killerspielen“.

Allein was genau ein „Killerspiel“ genau sein soll, wurde bisher nicht beantwortet. Tötungshandlungen finden sich in vielen Computerspielen und vor allem das Genre der Ego-Shooter ist ohne dieses Spielelement nicht vorstellbar. Ob das Vornehmen von Tötungen in einem Spiel negative Auswirkungen auf das wirkliche Leben hat, ist wissenschaftlich jedoch nach wie vor nicht belegt. Das Töten von Menschen ist – zurecht – ein gesellschaftliches Tabu. Allerdings wird dieses Tabu nicht nur durch Computerspiele unterwandert. Kaum ein Krimi ist ohne Leiche denkbar, Action-Filme sparen ebenfalls nicht mit der Zurschaustellung von Mord und Totschlag und in den Nachrichten erreichen uns tagtäglich Bilder von toten Menschen. Selbst vordergründig harmloses Kinderspiel wie „Räuber und Gendarm“ hat meist nur ein Ziel: Den anderen durch (fiktive) Tötung zu besiegen.

In diesem Zusammenhang muss die Frage erlaubt sein, ob Computerspiele nicht zu unrecht als Sündenbock angesehen werden. Gewiss gibt es viele Spiele mit gewaltverherrlichenden Inhalten – aber dies zu überwachen und altersgerecht einzustufen ist Aufgabe der USK. Dass die Altereinstufung funktioniert sieht man letztendlich beispielsweise daran, dass in einem Beitrag bei Frontal21 nicht die Einstufung selbst, sondern seine Unwirksamkeit kritisiert wurde. Aufgabe des Jugendschutzes muss es allerdings auch und gerade sein, geltende Regelungen durchzusetzen. Da ist natürlich auch „die Verkäuferin“ an der Ecke gefragt darauf zu achten, was an Jugendliche verkauft wird.

Gewaltspiele grunsätzlich zu verbieten ist eine beliebte Forderung, greift aber zu weit. „Aus unserer Sicht gibt es Erwachsenenspiele, keine Killerspiele,“ sagte Olaf Wolters, Geschäftsführer des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware. Und solche Spiele grunsätzlich zu verbieten, hieße Zensur walten zu lassen. Erwachsene sollten in der Lage sein, selbst für sich entscheiden zu können, was sie konsumieren möchten. Wer fordert – zum Beispiel mit Blick darauf, dass Jugendliche sich Spiele, die für ihr Alter nicht zugelassen sind, illegal besorgen können – mediale Inhalte für Erwachsene ganz vom Markt zu nehmen, müsste konsequenterweise auch das vollständige Verbot von Alkohol und Zigaretten fordern. Doch zum Verzicht auf ein guten Glases Wein oder Bier zu Gunsten des Jugendschutzes werden wohl die wenigsten Politiker bereit sein.

Dieser Bericht erschien ursprünglich bei SF-Radio.net.

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