Dennis Pauler

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Gesehen: 2030, Aufstand der Alten – düstere Zukunftsvision im Pseudo-Doku-Format

      1. Der Bericht zum Anhören


Schon Mitte vergangenen Jahres feierte sich das ZDF selbst für die Erfindung eines neuen Fernseh-Formats: Der Doku-Fiction, die dokumentarische und fiktionale Elemente verbindet. Anlass war der Start der Produktion des Dreiteilers „2030 – Aufstand der Alten“, der im Januar 2007 seine Fernsehpremiere hatte.
ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender erklärt das Format folgendermaßen:

„In einer klassischen Dokumentation würden Zahlenkolonnen, Grafiken und Expertenstatements eher nüchtern den Sachstand präsentieren. Wir wollten aber den Zahlen Leben einhauchen, dem Zuschauer bildlich vor Augen führen, was auf unsere Gesellschaft zukommt, wenn der negative Trend nicht gestoppt werden kann. Wir wollen aufrütteln und aufklären, indem wir filmisch beschreiben und erzählen, was sich hinter den Fakten verbirgt.“

Und zu beginnt 2030 auch mit einem Paukenschlag: Die komplette Bundesregierung tritt nach brisanten Enthüllungen zurück. Was sich dahinter verbirgt, wird erst nach und nach enthüllt.
Alles beginnt, als die investigative Journalistin Lena Bach die Hintergründe einer Geiselnahme recherchiert. Ein älterer Mann namens Sven Darow hatte den Vorstandsvorsitzenden des Pro-Life-Konzerns vor laufender Kamera dazu zwingen wollen, ein Geständnis über den so genannten M-Faktor abzulegen. Die Aktion endet allerdings blutig durch die Explosion einer
Handgranate. Bach beginnt, den Weg Sven Darows nachzuverfolgen und wird dabei immer mehr mit den katastrophalen Lebensbedingungen der Rentner des Jahres 2030 konfrontiert.

Nach zahlreichen verpassten Chancen in der Reformpolitik wird Anfang der 2020er Jahre die Einheitsrente mit 560 Euro pro Monat eingeführt. Gezahlt wird die Rente ab 70, viele Rentner müssen sich aber auch darüber hinaus Geld mit Billigjobs dazu verdienen. Die Leistungen der Krankenkassen wurden stark zusammengestrichen, dafür wurde die Sterbehilfe in den Leistungskatalog aufgenommen. Alte Menschen leben zusammengepfercht in billigen Absteigen, vegetieren völlig vernachlässigt in Altenheimen dahin oder überfallen Apotheken um die Medikamente zu bekommen, die sie sich sonst nicht mehr leisten können.
Im Laufe ihrer Recherchen stößt Bach schließlich auf einen Skandal, der von höchsten Kreisen vertuscht wird: Die M-Faktor-Affaire.

Im Gegensatz zu einem Spielfilm wird die Handlung in „Aufstand der Alten“ mit dokumentarischem Anspruch erzählt. Zeitzeugengespräche, Moderationen und Archivmaterial werden eingesetzt, um journalistische Glaubwürdigkeit zu transportieren. Der Zuschauer ist quasi dabei, wie Lena Bach dem Skandal Schritt für Schritt auf die Spur kommt.

Leider funktioniert der Ansatz nicht halb so gut wie gedacht. Die Produktion ist nicht Fisch und nicht Fleisch. Für eine gute Dokumentation ist die Erzählung zu linear. Dokumentarische Aspekte wechseln mit Reisebericht und Krimi. Für gute Fiktion stören die ewig wiederkehrenden „Zeitzeugen“, die steif vor der Kamera ihren vorgegebenen Text wiedergeben.

Durch den dokumentarischen Einschlag gewinnt die Geschichte zwar an Dringlichkeit, aber statt einem halbgaren Doku-Spielfilm-Mix hätte das ZDF vielleicht besser einen reinrassigen Spielfilm gedreht. Dies hätte es dem Zuschauer einfacher gemacht, dem Geschehen zu folgen und mit der Hauptdarstellerin mitzufühlen. Für Science Fiction schlägt sich „Aufstand der Alten“ dabei gar nicht mal schlecht, auch und gerade durch für zukünftige Jahre produzierten „Archivaufnahmen“.
Leider beschränkt sich die Sicht unnötigerweise auf die Lebenssituation der Alten und schreibt ansonsten aktuelle Gegebenheiten unverändert fort.

Dass „Doku-Fiction“ mitnichten eine Neuerfindung ist – und im Gegensatz zu „Aufstand der Alten“ auch diesem Anspruch genügen kann, hat das ZDF bereits 1998 mit dem Film „Der Dritte Weltkrieg“ bewiesen. Bereits damals wurde eine fiktive Geschichte dokumentarisch erzählt. Durch den Verzicht auf actionlastige Spielfilmelemente war „Der Dritte Weltkrieg“ allerdings wesentlich glaubwürdiger und bedrückender.
Dass auch das Gegenteil funktioniert – eine fiktive Handlung, die eine mögliche Zukunft glaubwürdig erzählt – hat schon Wolfgang Menge Anfang der 70er Jahre mit den erschreckend realen Filmen „Das Millionenspiel“ und „Smog“ gezeigt.

Doku-Fiction ist also kein neues Konzept – wenn man dem Konzept einen Namen gibt führt das allerdings nicht dazu, dass es erfolgreicher wird. So gehört die neuste Doku-Fiction leider auch zu den schwächeren…

Dieser Bericht erschien ursprünglich bei SF-Radio.net.

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