Dennis Pauler

Medien. Wirtschaft 2.0. Und mehr.

Gedacht: Das Netz, ewiges Gedächtnis oder digitale Demenz? – Von der Tugend des Vergebens in der digitalen Welt (1/2)

Das Streisand-Anwesen

Das Streisand-Anwesen

„Das Netz vergisst nichts“ ist eine moderne Binsenweisheit. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit war es möglich, derart viele Informationen quasi ohne Zeitverlust für alle Menschen gleichzeitig zur Verfügung zu stellen. Da die technische Struktur des Internets auf dem Vorgang des Kopierens basiert, können sich Informationen nicht nur blitzschnell verbreiten, sondern auch an vielen Stellen redundant vorgehalten werden. Ob der ursprüngliche Autor das beabsichtigt hatte, ist dabei irrelevant. Der Versuch, eine einmal veröffentlichte Information wieder aus dem Netz zu löschen kann sogar zum genauen Gegenteil führen (siehe hierzu der „Streisand-Effekt„).

Die totale Erinnerung?

Der Gedanke, dass einmal Veröffentlichtes ein Eigenleben entwickeln kann und ggfs. nicht mehr zurückholbar ist, sorgt bei vielen Menschen für großes Unbehagen. Das Nicht-Mehr-Zurücknehmen-Können ist zwar im Kern nicht neu (man denke nur an die voreilig in den Briefkasten geworfene Kündigung, den abgedruckten Artikel oder das Gesagte, das besser nicht gesagt hätte), aber neu ist die Permanenz des Netzes. Während eine unbedachte Äußerung irgendwann vergessen ist und ein fragwürdiger Zeitungsartikel irgendwann nur noch in staubigen Archiven lagert, da ermöglicht es das Netz, potentiell immer wieder und von überall auf eine einmal getätigte Aussage zu stoßen.

Vor diesem Hintergrund warnen besorgte Erwachsene die heutige Generation von Kindern und Jugendlichen immer wieder eindringlich davor, allzu persönliches (wie die Berüchtigten „Sauf-Bilder“) ins Netz zu stellen. Es könnte einmal der entscheidende Punkt sein, warum man seinen Traumjob nicht bekommt – wobei man den Jugendlichen zu Gute halten muss, dass die meisten sehr genau wissen, was sie öffentlich machen sollten und was nicht.

Die Angst davor, etwas nicht mehr ungeschehen machen zu können manifestiert sich im Netz in der Forderung nach dem „Recht auf Vergessenwerden„, also dem Recht, Daten wieder zurückholen zu können. Der Vorschlag der Europäischen Kommission für eine Datenschutz-Grundverordnung greift diesen Gedanken auf: In den Erwägungsgründen 53 und 54 wird gefordert, dass jeder Internetnutzer das Recht haben soll, der Verwendung personenbezogener Daten auch nachträglich widersprechen zu können – das heißt nachdem er zuvor seine Einwilligung erteilt hatte und die Daten bereits verarbeitet worden sind (und ggfs. abgeleitete Werke entstanden sind). Die Forderung geht sogar soweit, dass derjenige, der die Daten ursprünglich gespeichert hat, alle Ersteller einer Kopie aktiv benachrichtigen und diese auffordern muss, die Daten ebenfalls zu löschen.
Bei dieser Forderungen handelt es um eine zwar im Ansatz verständliche und auf den ersten Blick sinnvolle Regelung, sie ignoriert aber vollständig den dezentralen Charakter des Internets. Anders als bei der Verarbeitung in geschlossenen Firmennetzwerken und dem Datenaustausch zwischen Unternehmen – wo diese Forderungen tatsächlich umsetzbar wären – ist es ja gerade der Charakter des Internets, dass Daten frei, unkontrolliert und nicht nachvollziehbar kopiert und verbreitet werden können, ja sogar müssen. Die tatsächliche Einführung dieser Datenschutz-Grundverordnung würde das Problem des Nicht-Mehr-Zurücknehmen-Könnens also nur vordergründig lösen. Im Kern ist dieses Problem mit der – zurecht – offenen Struktur des Internets nicht, der Versuch einer gesetzlichen Regelung wird daher nur zu mehr Bürokratie führen.
Eine vollständige Umsetzung dieser Idee wäre nur mit einem massiven Eingriff in die Struktur des Internets denkbar – beispielsweise durch gesetzlich gestützte Eingriffe der Internet-Provider oder Verpflichtungen der Webhoster (weltweit). Selbst wenn sich dies durchsetzen ließe, dann wäre ein solches Verfahren doch mit großen Gefahren verbunden: Eine solche Infrastruktur würde es schließlich nicht nur dem Einzelnen ermöglichen, veröffentlichte Informationen wieder zu löschen, sondern öffnet staatlicher und unternehmerischer, nachträglicher Zensur Tür und Tor. Man stelle sich einmal vor, die Drosselkom als Internetprovider hätte die Möglichkeit, unliebsame Äußerungen über ihre Tarifgestaltung mit dem digitalen Radiergummi bereits im Keim zu ersticken – würde sie der Versuchung widerstehen können, ihn einzusetzen?

In der politischen Diskussion in Deutschland wird unter dem (irreführenden) Begriff „digitaler Radiergummi“ ein hiervon abweichendes Konzept diskutiert: Der Gedanke hierbei ist es, Dateien von vorneherein mit einem Verfallsdatum auszustatten, nach dessen Erreichen die Daten nicht mehr lesbar sind. Bereits Anfang 2011 stellte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner die Forderung nach einem Daten-Verfallsdatum und präsentierte mit der Software „X-Pire“ auch gleich eine Lösung. X-Pire sollte Bilddateien verschlüsseln und nur solange entschlüsseln können, wie der zugehörige Schlüssel auf einem zentralen Server vorhanden ist. Der Ansatz scheiterte aber sowohl an unzureichender Implementierung, als auch an dem simplen Problem, dass die Nutzung Geld kosten sollte (und wer ist schon bereit, 10 Euro pro Monat zu zahlen, um seine Facebook-Bilder verschlüsseln zu können, die dann wiederum nur von Freunden gesehen werden können, die die gleiche Software installieren und ebenfalls 10 Euro pro Monat zahlen?).
Obgleich der X-Pire-Ansatz technisch fragwürdig ist, so hat die Idee eines Verfallsdatums für Daten doch zahlreiche Befürworter. In seinem viel beachteten BuchDelete: Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten“ fordert Professor Viktor Mayer-Schönberger beispielsweise eindringlich, Daten standardmäßig automatisiert dem Vergessen anheim fallen zu lassen – ggfs. forciert durch den Gesetzgeber, der maximale Speicherfristen vorgeben kann. Er begründet seine Forderung auf Beispielen von Personen, für die das Nicht-Mehr-Zurückholen-Können bittere Auswirkungen hatte. Er fordert, das digitale Gedächtnis der Welt an die Arbeitsweise des menschlichen, seit Tausenden von Jahren bewährten Gedächtnisses anzupassen und es im zunehmenden Zeitverlauf „rostig“ und vergesslich zu machen.

Filtern und Vergeben

Anpassung an das menschliche Gedächtnis? Überlegen wir einmal kurz, welche Funktion das Vergessen für das menschliche Gedächtnis hat: Die Amerikanerin Jill Price gehört zu den wenigen Menschen mit der besonderen Begabung, nicht zu vergessen. Seit ihrem 15. Lebensjahr erinnert sie sich an jeden einzelnen Tag ihres Lebens (und für die Zeit davor an die meisten) und kann zu einem beliebigen Datum mit unglaublich vielen Details aufwarten. Was für manchen wie ein Segen klingt, ist für sie aber eine große Belastung. Für sie heilt Zeit keine Wunden und die Erinnerungen drohen sie immer wieder zu übermannen und die Gegenwart zu verdrängen.
Ihr Fall zeigt zugleich das Problem, das bei normalen Menschen mit dem Vergessen gelöst wird: Es fällt ihr schwer, Wichtiges aus der Vergangenheit von Unwichtigem zu trennen oder die Gegenwart von der Vergangenheit zu trennen. Kurz: Ihr fehlt die Fähigkeit zu filtern.

Die Eigenschaft des menschlichen Gedächtnisses, unwichtige Sachen sehr schnell wieder zu vergessen und auch schlimme Erlebnisse verblassen zu lassen, ist eine bemerkenswerte evolutionäre Errungenschaft. Das Vergessen ermöglicht es den Menschen, mit der täglichen Flut von Informationen umzugehen. Das Vergessen übt für den Menschen die wichtige Filterfunktion aus und schärft den Blick für das Wesentliche. Es ist jedoch fehlerbehaftet – wie oft scheitert Tag für Tag der Versuch, sich an etwas zu erinnern, das man eigentlich nicht vergessen wollte?

Inzwischen haben findige Tüftler bessere Wege gefunden, mit der Datenflut umzugehen. Suchmaschinen wie Google oder Bing sind nichts anderes als große Filtersysteme. Sie beschränken sich nicht mehr nur darauf, wie noch die Suchmaschinen der Anfangstage des Internet Informationen aufzufinden, sie bewerten diese Informationen auch hinsichtlich der Relevanz für den Benutzer und zeigen die Ergebnisse in der Reihenfolge der größten Relevanz an. Damit schärfen sie den Blick auf das Wesentliche, ohne dass eine Information verloren geht, nur weil sie im Augenblick (noch) nicht relevant ist.

Das Konstrukt eines Verfalldatums für Daten simuliert hingegen nicht die Funktion des Vergessens als Filterung, sondern das Vergessen durch Demenz. Ein festes Verfallsdatum sorgt dafür, dass Daten unabhängig von ihrer (ggfs. zukünftigen) Relevanz vergessen werden, auch wenn es wichtig gewesen wäre, sie zu erhalten.

Der richtige Umgang mit unangenehmen Informationen kann daher nicht das erzwungene Vergessen sein, denn es erzeugt zu viele Kollateralschäden. Die digitale Sphäre braucht kein neues technisches Konzept, sondern ein zutiefst menschliches: Vergebung.

Auch in der digitalen Welt muss es erlaubt sein, Fehler zu machen. Dass diese Fehler potentiell bis in alle Ewigkeit dokumentiert sein können, darf kein Grund sein, den Menschen, der diesen Fehler begangen hat, auf ewig zu verdammen. Wer nachtragend sein möchte, dem gibt das Internet viele Möglichkeiten an die Hand, es zu sein. Menschliche Größe liegt aber darin, zu vergeben. Aus freien Stücken – und nicht aufgrund aufgezwungener Demenz.

tl;dr
Im Zeitalter der Massendatenspeicherung sind wir mehr denn je gefordert, vergeben zu können. Aufgezwungene Demenz kann dies nicht ersetzen.

Lest im zweiten Teil über Löcher im digitalen Gedächtnis, digitale Kuratoren und die persönliche Netzgeschichte. (ab dem 27.05.2013)

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