Dennis Pauler

Medien. Wirtschaft 2.0. Und mehr.

Gedacht: Das Netz, ewiges Gedächtnis oder digitale Demenz? – Der stetige Kampf gegen das Vergessen (2/2)

Lest im ersten Teil über die totale digitale Erinnerung, das Recht auf Vergessenwerden, das Filtern und das Vergeben im digitalen Zeitalter.

Im Zeitalter der Massendatenspeicherung sind wir mehr denn je gefordert, vergeben zu können. Jeder Fehler und jeder Fehltritt kann potentiell auf Ewigkeit gespeichert werden. Das darf jedoch kein Grund sein, den Menschen, der diesen Fehler begangen hat, auf ewig zu verdammen. Wer nachtragend sein möchte, dem gibt das Internet viele Möglichkeiten an die Hand, es zu sein. Menschliche Größe liegt aber darin, zu vergeben. Aus freien Stücken – und nicht aufgrund aufgezwungener Demenz durch ein gesetzliches Verfallsdatum für Daten.

Löcher im digitalen Gedächtnis

Stahlhelm-Sieb

Das Netz – ein Gedächtnis wie ein Sieb?

Digitale Demenz stellt sich nämlich von ganz alleine ein. Die These, dass das Netz nichts vergisst, wird tagtäglich widerlegt. Wer hat nicht schonmal versucht, eine coole Seite, ein cooles Video oder ein cooles Programm wiederzufinden, von dem er keine lokale Kopie hatte? Viel zu oft scheitert der Versuch und dieses wirklich coole Ding scheint unwiederbringlich verloren zu sein. Die Ursachen hierfür können vielfältig sein, lassen sich aber in drei Gruppen einteilen:

  1. Auffindbarkeit
    Das Internet ist ein großer Ort, in dem man sich leicht verlaufen kann. Seinen Weg über eine größere Strecke hinweg wieder zurück zu verfolgen, ist ohne technische Hilfsmittel nahezu unmöglich. Die zutiefst in der DNS des Internet verankerte Vernetzung der Inhalte hat den großen Vorteil, dass man beim Stöbern („Browsen“) oft von einer interessanten Seite zur nächsten kommt. Nachzuvollziehen, wie man dorthin gekommen ist, gelingt allerdings nur den wenigsten. Hat man unterwegs nicht hinreichend viele Lesezeichen gesetzt, dann wird man den gleichen Weg kaum ein zweites Mal finden – und die unglaublich interessante Seite oder das tolle Video sind womöglich für immer verloren.
    Auch das Setzen von Lesezeichen ist kein Garant dafür, Inhalte im Netz wiederzufinden. Fügt man für jede interessante Seite ein Lesezeichen hinzu, dann erhält man im Laufe der Zeit so viele davon, dass einen konkreten Inhalt zu finden zwar wahrscheinlicher, aber trotzdem alles andere als einfach wird. Lesezeichen haben zudem den Nachteil aller Links: Sie sind in der Regel statisch und passen sich nicht an, wenn sich die URL des Ziels ändert. Da sich die interne Organisation einer Website aber oft von Zeit zu Zeit ändert oder Websites auch manchmal die Domain wechseln, ist die persönliche Sammlung an Lesezeichen und Verweisen einem stetigen Verfall ausgesetzt. Sollte also einer der in diesem oder einem anderen Artikel in diesem Blog gesetzten Links einmal in Leere zeigen, dann bitte ich dies einfach als Beleg der These zu betrachten.
     
  2. Unbeabsichtigter Datenverlust
    Selbst wenn man über ein aktuelles Lesezeichen verfügt oder den zu einem Inhalt gegangenen Weg rekonstruieren kann, dann schützt dies noch nicht vor unbeabsichtigtem Datenverlust auf Seite des Inhalteanbieters.
    Die wohl gängigste Ursache hierfür ist ein technischer Defekt. Dieser kann sowohl in der Hardware auftreten (z. B. durch eine ausfallende Festplatte), als auch in der Software (z. B. durch einen Programmfehler in einer Anwendung). Nur selten kündigen sich technische Defekte im Voraus an, sie treten meistens überraschend auf und treffen den Inhalteanbieter oft genug unvorbereitet.
    Genauso unvorbereitet stehen viele dem Phänomen des Datenvandalismus gegenüber. Unter Datenvandalismus versteht man die mutwillige Löschung oder Störung digitaler Inhalte. Die Ursache hierfür liegt entweder in krimineller Energie (z. B. um einem Konkurrenten zu schaden), in gefühlter moralischer Überlegenheit (z. B. um ein Unternehmen zu „bestrafen“) oder schlicht in Langeweile. Eine besonders prominente Ausprägung von Datenvandalismus ist der Denial-of-Service-Attack, durch den Daten aufgrund einer Überlastung des Servers (vorrübergehend) nicht verfügbar sind.
    In Deutschland ist der Tatbestand der Computersabotage (Datenveränderung, Übermittlung von Daten zum Ziel einem anderen zu schaden oder Veränderung/Beschädigung einer Datenverarbeitungsanlage) nach §303a,b StGB strafbar und kann mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe oder einer Geldstrafe geahndet werden. Die „einfache“ Computersabotage wird dabei nach §303c StGB allerdings in der Regel nur auf Antrag verfolgt.
    DailyTrek.de Datenverlust

    Aufgrund unerwartetem Datenverlust verschwand mit dem alten DailyTrek.de ein 15-jähriger Teil der Web-Geschichte

    Ein probates Mittel, um sich vor Datenverlust zu schützen, ist das regelmäßige Erstellen von Sicherheitskopien. Obwohl die Wichtigkeit dieser Maßnahme vor dem Hintergrund des potentiellen Datenverlustes unbestritten ist, so zeigt sich doch in der Praxis, dass dieser Schritt oft aus unterschiedlichsten Gründen unterbleibt – seien es Bequemlichkeit, technisches Versagen oder Unwissenheit. Die bequeme, automatische, redundante Datenvorhaltung (etwa unter Einsatz von RAID) schützt zwar vor einem Hardware-Defekt, kann aber von einem Software-Defekt beeinträchtigt werden und ist wirkungslos gegenüber mutwilligem Datenvandalismus. Damit stellt sie allenfalls eine Ergänzung, jedoch keinen Ersatz für Sicherheitskopien dar.
    Selbst wenn man einen Diensteanbieter damit beauftragt, seine Daten und Sicherheitskopien davon vorzuhalten, dann schützt dies nicht vor Missverständnissen oder menschlichem Versagen. Der Fall von DailyTrek.de zeigt exemplarisch, wie auch eine schon seit vielen Jahren im Internet verfügbare Website von einem auf den anderen Tag verschwinden kann. Aus öffentlich nicht bekannten Gründen hatte der Hoster der Seite alle Daten gelöscht und die Domain freigegeben. Das Team ist zwar motiviert, die Seite wieder aufzubauen, viele der alten Inhalte sind allerdings unwiederbringlich verloren, da keine (aktuellen) lokalen Sicherheitskopien vorlagen.
     
  3. Beabsichtigter (oder billigend in kauf genommener) Datenverlust
    Alle Sicherheitsmaßnahmen auf Seiten des Inhalteanbieters nutzen dem Benutzer jedoch nichts, wenn dieser Daten bewusst löscht, den Verlust der Daten billigend in Kauf nimmt oder aufgrund von gesetzlichen Bestimmungen dazu gezwungen wird.
    Viele Webseiten, insbesondere aus den Anfangstagen des Netzes mit ihren bunten Hintergründen, animierten GIFs oder Baustellenzeichen, sind inzwischen nicht aufrufbar. Damit ist ein Teil unserer digitalen Geschichte für immer verschwunden. Wer diese Zeit nicht selbst miterlebt hat, wird es in Zukunft schwer haben sich vorzustellen, wie sich das Surfen im Internet in den frühen Tagen angefühlt hat.

    Die Gründe für das bewusste Entfernen von Inhalten sind vielfältig:

    • Viele alte Websiten haben sich inhaltlich überholt. In einigen Fällen hat der Autor die Seite durch eine aktualisierte Version in zeitgemäßem Layout ersetzt, oft hat er allerdings den Aufwand der Aktualisierung gescheut und die Seite irgendwann gelöscht.
    • In ebenso vielen Fällen ist eine Seite aus dem Internet verschwunden, weil der Diensteanbieter sein Hosting-Angebot eingestellt hat oder der Autor keinen Zugriff mehr darauf hat (z. B. nach Beendigung eines Studiums auf das Hosting-Angbebot der Universität).
    • Auch (semi-)professionelle Publikationen sind dem Zahn der Zeit unterworfen. Wenn eine solche Publikation eingestellt wird – beispielsweise weil es sich finanziell nicht mehr rechnet oder das betreibende Unternehmen Konkurs anmelden musste – dann verschwinden mit der Publikation auch alle ihre zuvor online einsehbaren Inhalte.
    • SF-Radio wird zu Robots&Dragons

      SF-Radio wird zu Robots&Dragons

      Wenn eine Publikation nicht eingestellt wird, sondern einem Relaunch unterzogen wird, dann geht auch dies oft mit Datenverlust einher. Insbesondere beim Wechsel der technischen Grundlage (z. B. der Wechsel von einem CMS zu einem anderen) schreckt der teils immense manuelle Aufwand davon ab, alle alten Inhalte in das neue System zu übertragen. Die alten Inhalte bleiben dann entweder auf der alten technischen Plattform verfügbar – quasi als Archiv – oder müssen offline genommen werden.
    • Ehemals öffentlich verfügbare Inhalte können vom Autor auch ganz bewusst offline genommen werden, um sie zukünftig kommerziell auszuwerten. Dabei können die Artikel entweder hinter einer Bezahlschranke immer noch online abrufbar sein – nachdem man dafür bezahlt hat – oder zugunsten der Verwertung in einem anderen Medium (z. B. einer Buchveröffentlichung von Blog-Artikeln) ganz aus dem Internet entfernt werden.
    • ARD 404Manche Inhalte müssen aufgrund gesetzlicher Bestimmungen regelmäßig aus dem Netz entfernt werden. Im am 1. Juni 2009 in Kraft getretenen 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag (12. RÄStV) ist geregelt, dass von öffentlich-rechtlichen Medien erzeugte Online-Inhalte nur noch für eine definierte Verweildauer im Internet abrufbar sein dürfen. Für „programm-begleitende“ Informationen beträgt der Zeitraum sieben Tage, viele andere Informationen müssen spätestens nach einem Jahr gelöscht werden. In einer beispiellosen Aktion waren die öffentlich-rechtlichen Medien daher 2010 gezwungen, etwa 80% ihrer – auf Kosten der Gebührenzahler erstellten – Inhalte zu „depublizieren„.

Digitale Kuratoren

Auch ohne ein gesetzlich verordnetes, allgemeines Verfallsdatum für Daten vergisst unser „digitales Gehirn“ Internet also stetig und oft ungewollt Teile unser digitalen Geschichte. Glücklicherweise gibt es viele Menschen, die sich damit nicht abfinden wollen und sich daher als digitale Kuratoren betätigen.

Der prominenteste Vertreter dieser Zunft ist das „Internet Archive„. Dort findet sich nicht nur die bislang größte (wenngleich auch immer noch hochgradig unvollständige) Sammlung von alten Webseiten (auffindbar mit Hilfe der „Wayback Machine„), sondern auch eine große Sammlung frei verfügbarer Texte, Videos und Audiodateien. Das Internet Archive ist in den USA offiziell als Bibliothek registriert und hat sich zum Ziel gesetzt, die archivierten Daten zu erhalten, zugänglich zu machen und stetig zu erweitern.

Ein abgeschlossenes Kapitel der Internetgeschichte bewahrt das Projekt „Reocities“ vor dem Vergessen: Der 1994 gegründete, für den Benutzer kostenfreie Webhoster „Geocities“ war lange Zeit die Heimat unzähliger privater Webseiten. 1999 von Yahoo gekauft wurde das Angebot im Jahr 2009 eingestellt. Seine ehemals große Bedeutung als Webhoster hatte der Dienst damals bereits verloren, mit dem Ende des Hostingangebots gingen jedoch viele frühe private Webseiten unwiderbringlich verloren. Unwiederbringlich? Nein! Eine Gruppe Freiwilliger setzte alles daran, um einen Teil unserer digitalen Geschichte zu erhalten und stellt unter reocities.com das zum Abruf zur Verfügung, das von Geocities vor der Abschaltung gerettet werden konnte.

Auch im Software-Bereich nagt der Zahn der Zeit unaufhörlich an Datenbeständen. Dem Kampf gegen den Verfall von Speichermedien – insbesondere für nicht mehr erhältliche Computersysteme – widmen sich Projekte wie die Software Preservation Society oder die Website Back2Roots.org. Mit nicht unerheblichem technischem und organisatorischen Aufwand schaffen hier Liebhaber alter Software die Voraussetzungen, um insbesondere alte Computerspiele als Teil der digitalen Kultur zu konservieren und soweit rechtlich möglich legal zum Download zur Verfügung stellen zu können. Die Software Preservation Society hat bislang 3629 Spiele archiviert, bei Back2Roots finden sich neben 1411 Spielen für den Commodore Amiga auch viele Gigabytes an Musik, Demos und Public Domain-Sammlungen.

Die Aufbewahrung depublizierter Inhalte der öffentlich-rechtlichen Medien stellt sich komplizierter dar: Unter depub.org stellte im Jahr 2010 eine Gruppe Freiwilliger Teile des depublizierten Angebots (z. B. das Archiv von Tagesschau.de) wieder online. Da sich es bei dieser Erhaltung von Inhalten rechtlich gesehen um eine Urheberrechtsverletzung handelt, wurde dieses Archiv inzwischen aber wieder geschlossen. Hier bleibt nur zu hoffen, dass die Daten bei ursprünglichen Medien aufbewahrt werden und wieder zur Verfügung gestellt werden können, wenn geänderte gesetzliche Rahmenbedingungen es erlauben.

Die persönliche Netz-Geschichte

Website von Dennis Pauler im Jahr 2008

Die Startseite meiner Website aus dem Jahr 2008

Damit das Netz als universelles Gedächtnis der Menschheit also tatsächlich nichts (relevantes) vergisst, ist viel Aufwand nötig. Wenn wir es nicht schaffen, die rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen für den Erhalt unseres digitalen Erbes zu schaffen, dann kann unsere Zeit wie immer wieder befürchtet tatsächlich als „dunkles digitales Zeitalter“ in die Geschichte eingehen und für zukünftige Generationen mangels Verfügbarkeit von historischen Aufzeichnungen rätselhafter bleiben, als das stärker von Papier geprägte 20. Jahrhundert.
Getreu dem alten Flachwitz, dass an jeden gedacht ist, wenn jeder an sich selbst denkt, liegt es hier auch in der Verantwortung jedes Einzelnen, seinen persönlichen Anteil an der Netz-Geschichte zu konservieren und zur Verfügung zu stellen. Anknüpfend an Jeff Jarvis‘ Plädoyer für mehr Öffentlichkeit möchte ich Euch daher dazu anregen, mit gutem Beispiel voran zu gehen und Euren nicht zu unterschätzenden Anteil an unserem kulturellen Gedächtnis für die Zukunft zu erhalten.
Sich dabei nur auf einen Diensteanbieter wie Google oder Facebook zu verlassen, birgt große Gefahren – denn wer weiß, ob nicht auch Google und Facebook dereinst das Schicksal von Geocities, MySpace oder StudiVZ teilen werden. Wer sicherstellen will, dass seine Inhalte auch in Zukunft verfügbar bleiben, muss hier selbst vorsorgen.

Meinem eigenen Aufruf folgend werde ich daher in den kommenden Tagen und Wochen die von mir erstellten und im Netz oder auf Papier verteilten Inhalte sammeln und sie in diesem Blog (wieder) zur Verfügung stellen. Ich lade Euch herzlich ein, das gleiche zu tun und Euren Beitrag zum Erhalt unserer digitalen Geschichte zu leisten.

tl;dr
Das Internet als das digitale Gedächtnis der Menschheit ist durch Datenverlust und ungewolltes Vergessen bedroht. Es bedarf der Anstrengung jedes Einzelnen, um die kulturelle Geschichte unserer Zeit für die Zukunft zu erhalten.

 

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One Response to “Gedacht: Das Netz, ewiges Gedächtnis oder digitale Demenz? – Der stetige Kampf gegen das Vergessen (2/2)”

  • Helmut sagt:

    Bei alle dem ist es aber so das auch viele Dinge nicht mehr aufgefunden werden weil sie nicht mehr im Google index sind. Und wer kennt schon alle URLs auswendig?

    Andererseits kann es sein das man lange Zeit nachdem eine Seite gelöscht wurde trotzdem noch deren inhalt finden kann, weil sie noch im Google index ist.


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